Können wir eigentlich noch Demokratie? Ob Michigan oder Mecklenburg-Vorpommern, wenn unsere Lebenswelten zu weit auseinander driften, sind die Grundprinzipien der Demokratie in Gefahr

Algorithmen helfen uns in immer mehr Bereichen des öffentlichen Lebens. Doch bei Wahlen greift der Bürger weiter zum Wahlzettel – und das oft schockierend schlecht informiert. Wäre es da nicht besser, wenn Maschinen statt Menschen zur Wahl gingen?

Die Vereinigten Staaten haben gerade mit einem Wahlsystem aus dem 18. Jahrhundert einen Präsidenten gekürt, dessen Wahlkampfäußerungen von Analysten zu 78 Prozent als unwahr kritisiert wurden. Nur einen Tag nachdem Großbritannien sich gegen die Mitgliedschaft in der EU entschied nahm die „Leave“ Kampagne zentrale Wahlversprechen zurück, und Fragen wie „What is the EU?“ wurden laut Google zu den häufigsten Suchbegriffen. Wahlen, so Jason Brennan, Professor an der Georgetown Universität, sind ein bisschen wie eine Prüfung, zu der die ganze Nation eingeladen wird, um dann als Note den Klassendurchschnitt zu erhalten. Da wundere es nicht, dass viele unvorbereitet zur Urne schreiten.

Wäre mein Smartphone also vielleicht der klügere Wähler? Das MIT entwickelte für die US-Wahlen Electome, einen Algorithmus, der Millionen von Nachrichten in den sozialen Netzwerken analysiert, um so die Präferenzen der Wähler zu bestimmen. Er wurde unter anderem zur Auswahl der Fragen für die großen Fernsehdebatten im Vorfeld der Wahl eingesetzt. Wenn solche Tools uns langsam besser verstehen als wir uns selbst, warum sie nicht gleich für uns abstimmen lassen? Oder besser noch, wir machen sie zu Kandidaten! Schon jetzt pilgern Tausende zu Popkonzerten virtueller Figuren wie der „Sängerin“ Hatsune Miku, und eine Umfrage des Weltwirtschaftsforums hat ergeben, dass Algorithmen bald in Vorständen sitzen könnten.

Algorithmen filtern die für uns wichtigen Informationen heraus

Das klingt gespenstisch? Fakt ist, Algorithmen beeinflussen schon heute Wahlausgänge, ohne dass wir es bemerken. Lernfähige Filter in Suchmaschinen und den sozialen Medien entscheiden, was für Nachrichten uns aus der Flut der Informationen gezeigt werden. Wie genau gefiltert wird, ist ein Geschäftsgeheimnis von Google, Facebook & Co. Da aber fast all diese Plattformen auf Werbung bauen, werden Filter gewöhnlich so programmiert, dass sie uns so lange wie möglich bei Laune halten. Und das geht am besten mit Informationen, die uns gefallen, uns aufrütteln, egal ob richtig oder falsch.

Dank des „Benutzer, die dieses mögen, mögen auch jenes“ Ansatzes werden Meinungen nicht in Frage gestellt, sondern oftmals verstärkt oder radikalisiert. Manchmal helfen von Algorithmen kontrollierte Nutzerprofile, so genante Social Bots, noch nach, indem sie gezielt Beiträge teilen oder bewerten. Monokultur statt Meinungsvielfalt, ein Problem besonders wenn es um komplexe Fragen geht. In einer Pew Umfrage gaben 80 Prozent der Befragten an, noch nie ihre Meinung zu einem Kandidaten wegen Nachrichten aus den sozialen Netzen geändert zu haben.

Angeblich gab es bei Facebook ein Krisentreffen nach der Wahl

„Diese Wahl hat gezeigt, dass die Plattformen, die uns schnell und effizient Fakten liefern, ebenso effizient die Wahrheit verdrehen“ resignierte selbst das technikversessene “Wired”. Oder wie es der Philosoph Paul Virilio einmal sagte, „wer das Flugzeug erfindet, erfindet auch den Flugzeugabsturz“. Es könnte sein, dass diese US-Wahl als größter „Absturz“ der sozialen Medien in die Geschichte eingehen wird. Es muss nach Konstruktionsfehlern gesucht werden, das ist klar. Topmanager von Facebook sollen sich nur Stunden nach der Wahl zur Krisenbesprechung getroffen haben.

Und doch ist es ähnlich absurd gesellschaftliche Polarisierung auf die sozialen Medien zu schieben, wie den Niedergang des weißen Mannes auf eine fehlende Mauer zwischen den USA und Mexiko. Digitale Polarisierung ist nicht Ursache sondern Folge einer auseinander driftenden Gesellschaft. Das ist besonders in den USA sichtbar, wo stagnierende Löhne die Mittelschicht seit Jahrzehnten schrumpfen lassen. Auch in Europa sind über 100 Millionen Menschen trotz Vollzeitjob von Armut bedroht. Zugleich steigt extremer Reichtum. Fast die Hälfte des Weltwachstums seit 1988 floss an die oberen fünf Prozent. In einem schwachen wirtschaftlichen Umfeld verstärkten sich dazu ethnische und generationelle Konflikte. Das Trump- und das Brexit Votum wurden vermehrt von der älteren Generation getragen und  von Migrationsängsten mitbestimmt.

Computer sind nicht die Lösung

Ob Michigan oder Mecklenburg-Vorpommern, wenn unsere Lebens- und Arbeitswelten zu weit auseinander driften, sind die Grundprinzipien der Demokratie in Gefahr: Respekt und Verantwortung. Respekt ist Grundvoraussetzung für den politischen Diskurs. Der Wunsch nach Supercomputern, die auf jede komplexe Frage eine Antwort haben, ähnelt dem nach Politikern, die behaupten es gäbe keine komplexen Fragen. Die einen vertrauen auf Fakten ohne Interpretation, die anderen auf Interpretationen ohne Fakten. Beide verkennen, dass Demokratie ohne Dialog nicht existiert. Verantwortung wiederum heißt, sich nicht nur um das eigene, sondern auch um das Klassenergebnis zu sorgen. Die Wahlen in den USA und Großbritannien wurden nicht von Wählern ohne Wissen entschieden, sondern mehr noch von Bürgern, die der Verantwortung zu wählen nicht nachgekommen sind. In den USA waren dies beinahe 100 Millionen.

Respekt und Verantwortung sind der Preis für Freiheit, und Freiheit ist die Voraussetzung dafür, dass wir die Mächtigen, seien sie Mensch oder Maschine, zur Verantwortung ziehen können. Das digitale Zeitalter wird Demokratie verändern. Ob zum Guten oder Schlechten hängt davon ab, ob wir diese beiden Prinzipien wahren. Nach der Wahl ist vor der Wahl. 2017 wird ein Schicksalsjahr für Europa und die Demokratie.

Veröffentlicht auf “Focus Online“, 06. Dezember 2016.

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