Im Paradox der Globalisierung Das Vertrauen in Fortschritt, Markt und Staat sinkt. Die Eckpfeiler der Moderne durchlaufen existenzielle Krisen

Loss of order, mit diesem Begriff umschrieb Frank-Walter Steinmeier kürzlich vor Wirtschaftslenkern den Trend hinter den Krisen unserer Zeit. Die bipolare Ordnung des Kalten Krieges sei zerfallen, doch eine neue müsse erst noch gefunden werden. »Unsere Welt ist weder unipolar noch multipolar, sie ist nonpolar«, so der Minister. „Es ist eine Welt auf der Suche nach einer neuen Ordnung.“

Die lange Vormachtstellung des Westens fußt auf den Errungenschaften der Moderne: wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt, Industriekapitalismus, leistungsfähigen Verwaltungsstrukturen. Dieselben Faktoren tragen heute zum Aufstieg der übrigen Welt bei. Globale Konflikte gelten als Nebeneffekt dieser Aufholdynamik, doch sie sind mehr. Fortschritt, Markt, Staatliche Ordnung, die Eckpfeiler der Moderne durchlaufen selbst existenzielle Krisen. Hierin liegt ein zentrales Paradox unserer Zeit: Wir erleben die Globalisierung der Moderne – und gleichzeitig ihren Zerfall.

Fortschritt, Markt, Staatliche Ordnung, die Eckpfeiler der Moderne durchlaufen selbst existenzielle Krisen. Hierin liegt ein zentrales Paradox unserer Zeit: Wir erleben die Globalisierung der Moderne – und gleichzeitig ihren Zerfall.

Erstens, das Vertrauen in Fortschritt sinkt. Ökonomen beobachten, dass sich das Produktivitätswachstum entwickelter Volkswirtschaften stark verlangsamt hat. Einige argumentieren, dass Innovationen wie GPS oder das Smartphone die Produktivität nicht so stark verändert hätten wie die Elektrizität oder der Verbrennungsmotor vor hundert Jahren. Wir drohen von einem intensiven, auf Fortschritt basierenden zu einem extensiven, auf Zufuhr von Ressourcen angewiesenen Wachstum zurückzukehren, sagt der Ökonom Robert Gordon. Da, wo Fortschritt passiert, sind die Beschäftigungsauswirkungen zudem unklar: In reichen Ländern lässt sich eine wachsende Polarisierung des Arbeitsmarktes beobachten, die mit Unterbeschäftigung und sinkenden Löhnen für immer mehr Menschen einhergeht.

Für einen Planeten mit bald neun Milliarden Einwohnern, begrenzten Ressourcen und einem fragilen Ökosystem wären dies keine guten Nachrichten. Was unsere heutige von der vorindustriellen Zeit unterscheidet, ist die Erwartung einer kontinuierlichen Verbesserung des Wohlstands. Der Glaube an Fortschritt fördert Investitionen, die diesen erst ermöglichen. Dazu zählen Investitionen in politische Stabilität, Privateigentum, Technologie und Forschung. Wenn Fortschritt nicht mehr breite wirtschaftliche Erträge generiert, sind politische, wirtschaftliche und soziale Stabilität bedroht.

Zweitens, das Vertrauen in die Märkte sinkt. Der Siegeszug der Marktwirtschaft gilt neben dem Glauben an den Fortschritt als zweite Triebkraft hinter der Globalisierung der Moderne. Der rasante Aufstieg von Ländern in Asien, Lateinamerika und Afrika war in weiten Teilen das Ergebnis marktwirtschaftlicher Reformen. Chinas Wirtschaft wuchs jahrzehntelang mit über neun Prozent und befreite so Millionen Menschen aus der Armut. Indien verzeichnete ein ähnlich starkes Wachstum und senkte seine Armutsquote von 50 auf 20 Prozent. Einige der wachstumsstärksten Ökonomien befinden sich in Afrika.

Diese Zahlen täuschen aber darüber hinweg, dass zugleich der Abstand zwischen Arm und Reich gestiegen ist: Die Ungleichheit in China ist 50 Prozent höher als zu Beginn seiner Reformen, höher als in liberalen Marktwirtschaften wie Großbritannien und den USA und doppelt so hoch wie in den sozialen Marktwirtschaften Nordeuropas. Zur Erklärung verweisen Ökonomen häufig auf den von dem Nobelpreisträger Simon Kuznets beschriebenen Zusammenhang, dass Marktreformen Ungleichheit und Unsicherheit kurzfristig verschlimmern können, langfristig aber mindern. Dem widerspricht aber, dass die Ungleichheit auch in hoch entwickelten Ländern rasant gestiegen ist.

Dauerhaft niedrigeres Wachstum und eine wachsende Verteilungsproblematik werden die Frage nach der politischen Einbettung von Märkten neu aufwerfen. Wenn Erträge aus Investitionen in Fabriken, Forschung und Bildung sinken, steigt die Attraktivität politischer Einflussnahme. Schon jetzt, so der Ökonom Moises Naim, sei nicht Kapitalismus, sondern Korruption die Kernursache steigender Ungleichheit in Ländern wie Russland, Nigeria, Brasilien oder China. Doch auch liberale Ökonomien in den USA und Europa sind betroffen. Ökonomen wie Robert Reich, Simon Johnson oder Joseph Stiglitz warnen eindrücklich, dass der wachsende Einfluss von Lobbyisten Ungleichheit, Unsicherheit und Korruption befeuert.

Drittens, das Vertrauen in traditionelle Ordnungsstrukturen sinkt. Reformation, Aufklärung, industrielle Revolution – die jüngere europäische Geschichte wurde entfesselt von Netzwerken, die traditionelle Strukturen herausforderten. Dampfschiffe und Eisenbahnen verbreiteten nicht nur Güter, sondern auch die einflussreichen Ideen des Liberalismus und Sozialismus. Gleichzeitig aber formten sich neue Hierarchien in Form mächtiger Staaten und Unternehmen. Diesen wird eine mindestens ebenso wichtige Bedeutung in der rasanten Entwicklung des 19. Jahrhunderts zugeschrieben.

Diese Ordnungen kommen immer mehr in Bedrängnis. Joschka Fischer sagte einmal, einer seiner größten Schocks sei die Entdeckung gewesen, dass all die beeindruckenden Regierungspaläste leere Orte seien, dass ihre imperiale Architektur die limitierte Macht der dort Arbeitenden überspiele. Ist dies Ausdruck schöpferische Zerstörung, der Entstehung einer neuen vernetzten Ordnung? Oder erleben wir den genuinen Verlust von Ordnung? Liberale Demokratien scheinen immer mehr beschäftigt mit sich selbst, bürokratisch gelähmt, polarisiert. Autokratien kreieren Karikaturen von Demokratien ohne Meinungsfreiheit und unabhängige Justiz. Ganze Regionen erfahren den totalen Zerfall von Ordnung: Irak, Syrien, Nord- und Zentralafrika.

„Die Welt wird kleiner“, konstatiert Steinmeier am Ende seiner Rede, „lange Zeit verhieß dies Gutes, aber heute klingt es für viele Deutsche mehr wie eine Bedrohung.“ Der Soziologe Ulrich Beck kam zu Erkenntnis, dass nicht die Katastrophe, sondern die Angst vor ihr unser Handeln leite und so zur politischen Kraft werde. Mit der zunehmenden Wahrnehmung globaler Integration als Risiko steigt das Bedürfnis nach vermeintlicher Sicherheit durch Abgrenzung. Im 20. Jahrhundert begünstigte dies den Aufstieg von Kommunismus und Faschismus, die Ordnung versprachen und in Katastrophen endeten. Aufkommende Ängste begünstigen nun wieder den Aufstieg extremistischer, populistischer und nationalistischer Bewegungen.

Heute wissen wir, nicht Abgrenzung, sondern Annäherung und Toleranz haben Europa Frieden gebracht. Doch dürfen wir nicht einfach auf eine Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte hoffen: Die Globalisierung der Moderne wird nur dann Frieden und Wohlstand bringen, wenn wir ihre Pfeiler entstauben und alte Begriffe wie Wachstum, Verteilung, Staat und Unternehmen neu denken. Gehen wir es an, das Globalisierungsparadox!

Veröffentlicht in „Die Zeit„, 15. Januar 2015, und auf Zeit online

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