Die Kehrseite der Globalisierung Ob bei Unternehmen oder Regionen: Die Weltwirtschaft ringt mit extremen Konzentrationsbewegungen.

Hat Globalisierung uns reicher oder ungleicher gemacht? Zehn Jahre nachdem im August 2007 die Finanzkrise begann, entzweit diese Debatte gesellschaftliche Lager, zerreißt politische Allianzen und wirbelt die Parteienlandschaft durcheinander, wie jüngst der französische Wahlkampf zeigte.

Die kurze Antwort: sowohl als auch! Jeder Ökonom lernt in der Grundausbildung, dass freie offene Märkte bewirken, dass sich Löhne, Maschinenkosten und auch Erträge über Grenzen hinweg angleichen – die Verteilungswirkung wirtschaftlicher Vernetzung. In Slogans wie “Die Welt ist flach” gehüllt, wurde dieses Theorem zum intellektuellen Unterbau der Globalisierung.

Zu Recht: Noch 1988 verdiente ein Amerikaner aus der unteren Mittelschicht über sechsmal so viel wie ein gut verdienender Chinese. Heute sind beide Einkommen etwa gleich hoch. Im Durchschnitt sterben heute mehr Menschen an Über- als an Unterernährung, an Altersschwäche als an Pandemien. Globalisierung hat die Welt reicher und gesünder gemacht.

Erst die Finanzkrise rückte die Kehrseite des Wachstums ins öffentliche Bewusstsein: Konzentration. Lange ignorierten die führenden Ökonomen ein Phänomen, das der Soziologe Robert King Merton in Anlehnung an den Bibelvers als Matthäus-Effekt bezeichnete: “Denn wer da hat, dem wird gegeben.” 1999 wurde dieser Zusammenhang von Albert-László Barabási und Réka Albert formell bewiesen. Die Physiker suchten eine modellhafte Darstellung fürs expandierende Internet. Sie fanden eine Formel für alle möglichen Netzwerke. Immer tritt demnach dasselbe Muster auf: Akteure verbinden sich bevorzugt mit solchen, die gut vernetzt sind. Nach gewisser Zeit bilden sich so mächtige Zentren. Die Physiker entdeckten eine neue Schwerkraft.

Expansion und Konzentration sind also zwei Seiten derselben Medaille. Seit den neunziger Jahren wurden 60 Prozent des globalen Wachstums in Entwicklungsländern erwirtschaftet. Das ist enorm, wenn man bedenkt, dass bis in die sechziger Jahre kaum eine dieser Volkswirtschaften schneller wuchs als der Westen. Zugleich erfolgte jedoch eine extreme Konzentration von Menschen und Kapital in wenigen Megastädten. In Brasilien, Indonesien oder der Türkei wird ein Drittel des Volkseinkommens in einer einzigen Stadt generiert. Urbanisierung ist ein Beispiel für den Matthäus-Effekt.

Doch es geht nicht nur um Städte. Wurden in den 1990er Jahren noch weniger als fünf Prozent der 500 größten Unternehmen aus Entwicklungsländern gelenkt, so sind es heute 20 Prozent. Bis 2025 werden es, laut McKinsey, fast die Hälfte sein. Zeitgleich mit diesem Verteilungseffekt kam es aber zu einer großen Welle von Übernahmen und Fusionen. Die ETH Zürich hat die Besitzstrukturen von 43.000 multinationalen Unternehmen untersucht und herausgefunden, dass ein Prozent aller Firmen mehr als 40 Prozent der Maschinen und anderen Investitionsgüter auf der Welt kontrollieren.

Die einfache Erklärung des Phänomens lautet: Groß rechnet sich. In den 1990er Jahren waren die erfolgreichsten Firmen nur dreimal profitabler als der Schnitt, heute sind sie achtmal so profitabel. Jedes zweite Unternehmen mit überdurchschnittlich hohen Profiten kommt aus der Technologiebranche. Studien zeigen, dass es in erster Linie nicht Managergehälter sind, die Lohnungleichheit wachsen lassen. Es sind die Lohnunterschiede zwischen Unternehmen. In den führenden Unternehmen verdienen alle mehr, ob Geschäftsführer oder Praktikant. Der Matthäus-Effekt, er greift auch in den Strukturen der Weltwirtschaft.

Für Ökonomen war dies lange Zeit kein Problem, Übernahmen von Firmen wurden sogar erleichtert. Doch nun wächst die Produktivität nur noch langsam, und die Ungleichheit steigt. Das heißt, der Wettbewerb wird weniger intensiv durch die Konzentration, und der Einfluss einzelner Konzerne und Branchen auf die Politik wird größer.

Anders als rechte und linke Populisten behaupten, kommt die Bedrohung nicht von außen, sie kommt von innen, aus dem Räderwerk der Wirtschaft selbst. Wir können diese Spannung nicht ignorieren oder auflösen. Wirtschaft und Politik müssen sich dieser Herausforderung neu stellen.

Neue Wege müssen gefunden werden, um den Missbrauch von Marktmacht zu bekämpfen. Das herkömmliche Kartellrecht hilft dabei kaum weiter. Mächtige Unternehmen wie Apple oder Google müssen auf die Kritik reagieren, als Gatekeeper kleine Anbieter zu benachteiligen. Zugleich müssen kleine und mittlere Firmen gestärkt werden. In den USA, aber auch in Deutschland ist die Anzahl der Existenzgründungen seit Jahren rückläufig.

Die Kehrseite des Glaubens an die schöpferische Kraft des Wettbewerbs ist der Irrglaube, dass Gewinner immer den Erfolg und Verlierer immer die Niederlage verdienten. Diese Annahme hat dafür gesorgt, dass Politiker die Dynamik der Ungleichheit zu lange ignoriert haben. Bildung muss Chancengleichheit schaffen, ja, aber zu überlegen ist auch, ob ein Grundeinkommen die notwendige Sicherheitsbasis für alle schaffen kann.

Marktwirtschaften brauchen eine starke Mitte. Das heißt aber nicht, dass diese, sei es auf der Ebene von Städten, Sektoren oder Unternehmen, von sich aus entsteht. Aus dieser Einsicht formt sich eine Neuordnung der politischen Landschaft. Die Wahl zwischen Macron and Le Pen in Frankreich hat das eindrücklich gezeigt. Einerseits eine Kandidatin, die Netzwerke zerschlagen wollte, um Hierarchien zu bekämpfen. Auf der anderen ein Kandidat, der dieses erreichen will, indem er die richtigen Netzwerke stärkt. Das ist bei Weitem der bessere, liberalere Weg.

Veröffentlicht in “Die Zeit“, 24. Mai 2017, und bei Zeit online.

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